(Dieser Artikel ist noch in Arbeit)

Wenn wir mit dem Thema Trauma in Berührung kommen, treiben uns oft viele Fragen um.
Bin ich selbst traumatisiert – und wenn ja, wie stark? Habe ich Chancen, vollständig zu heilen? Was ist der Hauptpunkt, auf den ich dabei achten sollte? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir erst noch ein paar grundsätzliche Themen klären.

Traumatherapie ist durch Therapeuten wie Peter Levine, Bessel van der Kolk und Gabor Maté bekannt geworden, im deutschsprachigen Raum vor allem durch Autorinnen wie Michaela Huber oder Verena König. Von ihren Anfängen bei der Behandlung der Schocktraumata von Kriegsveteranen bis heute hat die Traumatherapie enorm an Wissen und Bandbreite gewonnen. Dabei sind jeweils die Erfahrungen und therapeutischen Hintergründe der Behandler in die entstehenden Methoden eingeflossen.

Samaya ist eine Methode, die eigenen Fähigkeiten beim Verarbeiten von Emotionen zu stärken. Sie hat sich im Laufe meiner über fünfunddreißigjährigen Arbeit entwickelt, bei der ich Menschen darin unterstützte, ihre unterdrückten Gefühle zu verarbeiten und zu integrieren. Vor diesem Hintergrund ist ein eigener Blick auf das Thema Trauma und dessen Heilung entstanden. Vor allem deshalb, weil Samaya direkt auf den Kern von Trauma einwirkt. Was aber ist der Kern eines Traumas, und wie kann Samaya bei der Heilung helfen?

Was ist ein Trauma – und was nicht?

Im Sprachgebrauch verwenden wir »Trauma« und »ein schreckliches Erlebnis« oft wie gleichbedeutende Begriffe. Das ist im Eifer unserer Gespräche in Ordnung. Was jedoch auf die Dauer dabei verloren geht, ist die Klarheit darüber, was der Kern eines traumatischen Geschehens ist. Und diese Klarheit ist wichtig, wenn es um effektive Traumatherapie geht.

Dr. Gabor Maté, Arzt, Sucht- und Traumatherapeut, sagt es kurz und deutlich: „Trauma isn´t what happens to you, it´s what happens inside you.“
(Quelle: Gabor Maté
https://youtu.be/nmJOuTAk09g).

Frei übersetzt: „Trauma ist nicht, was dir widerfährt, sondern was in dir dabei passiert.“

Das ist wichtig. Denn die Dinge, die uns widerfahren sind, können wir nicht ungeschehen machen.

Wenn das Trauma in den verletzenden Ereignissen selbst liegen würde, wäre Heilung also unmöglich. Trauma entsteht jedoch durch das, was in unserer Innenwelt dabei passiert – und darauf haben wir allerdings Einfluss.

Die Frage ist also: Wann wird ein schmerzvolles Ereignis zu einem Trauma? Was unterscheidet beide von einander?

Ein Geschehen, das Todesangst auslöst oder stärkste Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung bleibt ein schreckliches Ereignis, wenn wir es dabei oder kurz danach vollständig verarbeiten können. Dann hinterlässt es keine unvollendeten Gefühle in unserer Seele und keine Auswirkungen in Körper und Nervensystem. Die langfristigen Auswirkungen auf unser Leben reduzieren sich auf ein Minimum.

Anders gesagt: Ein schlimmes Ereignis wird zum Trauma, wenn es unsere Fähigkeiten, Gefühle zu verarbeiten übersteigt. Der Dreh- und Angelpunkt ist also unsere Fähigkeit, Gefühle zu verarbeiten. Wir werden noch darauf zurückkommen, was das für unsere Chancen auf Heilung heißt. Dazu aber erst ein Blick auf das, was in unsere Seele geschieht, wenn uns etwas Leidvolles widerfährt.

Seelische Selbsthygiene – seelische Notfunktion

Es gibt zwei Instanzen in uns, die über die Integrität unserer Seele wachen. Zum einen unseren Sinn für Seelenmitte, zum anderen unseren Sinn für Notfunktion. So nenne ich dieses „Seelenduo“ jedenfalls im Zusammenhang von Samaya.

Unser Sinn für Seelenmitte ist daran interessiert, dass alle unsere Anteile zusammen eine Einheit bilden. Er strebt dafür immer ein fließendes Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Anteilen an, mit dem gerade wichtigsten im Fokus. Am stabilsten ist dieses fließende Gleichgewicht, wenn es keine ausgeklammerten Anteile gibt und viel inneren Raum, um alle Regungen zu Ende zu führen und auszubalancieren.

Unser Sinn für Notfunktion dagegen ist, wie der Nama schon sagt, für unser Funktionieren in Notsituationen zuständig. Dann nämlich steht es nicht an, möglichst viel inneren Raum für die Verarbeitung von Gefühlen bereitzustellen.

Es geht auch nicht um das Gleichgewicht zwischen allen Anteilen. Im Gegenteil: Nur die Anteile, die für das Erfassen der Notlage und das Überleben in ihr nötig sind, werden aktiviert, alle anderen blockiert. Wir würden schlicht nicht überleben, wenn wir in Notsituationen erst alle Gefühle verarbeiten würden, um erst danach zu handeln. (Die Hirnforschung zeigt uns, wie das u.a. im Zusammenspiel zwischen Amygdala und Hypocampus umgesetzt wird).

Die Selbsthygiene unserer Seele sieht dabei ein Zusammenspiel zwischen diesen beiden inneren Instanzen vor: In einer Notsituation übernimmt unser Sinn für Notfunktion das Ruder. Ist die Notsituation wieder vorbei, ist es die Aufgabe unseres Sinns für Seelenmitte, das fließende Gleichgewicht wieder herzustellen. Er strebt deshalb danach, die verschlossenen Gefühlsräume wieder zu öffnen und die ausgeklammerten Gefühlsbewegungen zu Ende zu führen und zu integrieren.

Vor diesem Hintergrund können wir also sagen: Traumatisierung geschieht, wenn die seelische Notfunktion eingeschaltet – und nicht wieder beendet wird. Wenn also nach dem schlimmen Geschehen die Verarbeitung der Gefühle und ihre Integration nicht gelingen.

Unser Sinn für Seelenmitte hat fortan nur noch begrenzt Raum, um ein fließendes Gleichgewicht herzustellen. Ein Großteil der betroffenen Gefühle bleibt im eingefrorenen und abgespaltenen Zustand stecken, und obwohl die Notsituation vorbei ist, leben wir weiterhin in unserem Notprogramm.

Das führt dazu, dass unser Leben sich zwischen zwei Seelenzuständen bewegt, die beide vom Trauma geprägt sind.

Der eine Pol: Wir sind von unseren Gefühlen abgespalten, innerlich leer und vom Notprogramm abhängig. Wir „funktionieren“ vielleicht gut, haben aber den Kontakt zu uns selbst und zum Sinn des Lebens verloren.

Der andere Pol: Wir werden durch das Hervorbrechen unterdrückter Gefühle aufgewühlt und in einen Alarmzustand versetzt. Wir „funktionieren“ deshalb nicht gut, was wiederum Angst vor Gefühlen auslöst.
Dieses von Traumatisierung geprägte Leiden geht so weiter, bis das Notprogramm beendet und die ausgeklammerten Gefühle verarbeitet sind.

Hieraus ergeben sich für die Traumatherapie zwei Kernfragen:
Was blockiert die natürliche Tendenz, wenn die Not vorbei ist, die abgespaltenen Gefühle zu verarbeiten und wieder ins Gleichgewicht zu kommen? Was ist demgegenüber die wichtigste Kraftquelle (Resource) in der Traumatherapie? Lasst uns dafür den Kern des Traumas ausführlicher untersuchen.

Drei Ebenen des Traumas
Im Zusammenhang von Samaya unterscheiden wir drei Ebenen von Trauma: das Haupttrauma, das Grundtrauma und Schocktraumata. Das Haupttrauma und das Grundtrauma greifen dabei ineinander und verstärken sich gegenseitig. In diesem Artikel konzentriere ich mich auf das Haupttrauma, da dessen zentrale Bedeutung kaum beachtet wird.

Das Haupttrauma

Wir kommen nicht nur mit der Fähigkeit zu fühlen auf die Welt, sondern auch mit der Fähigkeit, unsere Gefühle zu verarbeiten. Diese Fähigkeit gehört zu unseren seelischen Grundfunktionen. Sie ermöglicht uns, innere Harmonie aufrechtzuerhalten und nach schrecklichen oder schmerzvollen Ereignissen zu innerem Gleichgewicht und Wohlgefühl zurückzufinden.

Gerade die Gefühle, die bei der Verarbeitung schmerzvoller Ereignisse entscheidend sind, werden in unserer Kultur jedoch als »negative Gefühle« bezeichnet und verurteilt.

Schauen wir uns das genauer an
Von Geburt an und während der gesamten Kindheit lernten wir, uns selbst zu steuern und in der Welt zu bewegen. Dazu gehörte auch der Umgang mit unseren Gefühlen. Wir beobachteten das Vorbild unserer Eltern und registrierten ihre Reaktionen auf Gefühle.

Als kleine Kinder hatten wir ja noch einen sehr direkten Kontakt zu unseren Gefühlen. Oder besser gesagt: Wir wurden von ihnen fast vollständig ausgefüllt. Wir hatten auch schon alle nötigen Fähigkeiten, um mit unseren Gefühlen umzugehen. Allerdings nur im Keim, als Potenzial. Wir brauchten Unterstützung, um diese Fähigkeiten ganz zu entwickeln.

Und wie sah das aus?
Bekamen wir, was wir brauchten? Wurden wir darin unterstützt, unsere Gefühle zu unterscheiden und zu verarbeiten? Wurde uns vermittelt, wie wir als fühlende Wesen unser inneres Gleichgewicht behalten und immer mit unserem inneren Seelenkern verbunden bleiben? Wurde uns vorgelebt, wie man sich mit allen Gefühlen wohlfühlen kann?

Wir erlebten das genaue Gegenteil. Wir wurden einem tiefgreifenden und konstanten Training ausgesetzt, um uns vom ursprünglichen Kontakt zu unseren Gefühlen zu trennen und stattdessen den kulturell verlangten Umgang mit Gefühlen in uns zu verankern.

Dies geschah über vorgelebtes Verhalten, Entzug von Aufmerksamkeit und Liebe, aber auch durch verschiedene Formen von Strafe, durch Ausgrenzung, Beschämung und Entwertung unserer Gefühle: »Stell dich nicht so an!«

Häufige Unterbrechung der emotionalen Impulse, Missbilligung, Ausgrenzung, Beschämung und Strafe: Das sind nicht zufällig auch die Mittel, mit denen eine Kolonialmacht die Kinder eines besiegten Volkes umerzieht und kulturell indoktriniert.

Für das heutige Anpassungstraining reichen übrigens Beschämung und Ausgrenzung schon aus. Wenn ich als Kind erlebe, dass mich andere wegen meiner Gefühle ausgrenzen oder sich über mich lustig machen, bin ich vielleicht das erste Mal noch im Standpunkt meiner Seele verankert. Vielleicht denke ich etwas wie: »Ich bin traurig. Was ist mit den anderen los, dass sie so merkwürdig reagieren?«

Werde ich aber immer wieder wegen meiner „negativen“ Gefühle ausgegrenzt und beschämt, wird es mir schwerfallen, zu meinen authentischen Gefühlen zu stehen. Geschieht die Ausgrenzung in früher Kindheit, wird gleichzeitig auch mein Sinn fürs Überleben alarmiert.

Auch wenn sich die verlangte Trennung von meiner inneren Wahrheit falsch anfühlt und schmerzt; auch wenn ich mich instinktiv dagegen wehre: Als Kind stehe ich dem äußeren Druck hilflos und ohnmächtig gegenüber. Mir bleibt nichts anderes übrig, als eine Instanz in mir herauszubilden, die darüber wacht, ob meine Gefühle akzeptabel sind oder nicht.

Von dieser Instanz aus werde ich von nun an mit dem Verdacht nach innen schauen, dass irgendetwas an mir und meinen Gefühlen nicht stimmt. Gleichzeitig werde ich angespannt darauf achten müssen, dass nichts davon nach außen dringt.

Die als negativ verurteilten Gefühle werde ich unterdrücken, und der Kontakt zu all meinen Gefühlen wird zerfasern. Meine Fähigkeit Gefühle zu verarbeiten wird verkrüppeln, und nur noch selten werde ich mich vollständig lebendig, ganz und innerlich wohl fühlen können.

Die frühe Indoktrination mit dem Glauben an die negativen Gefühle überwältigt also unsere noch zarte seelische Schutzhaut und greift in unseren Seelenkern ein. Und zwar genau dort, wo unsere Selbstwahrnehmung verankert ist. Diese würde sich in einem wohlwollenden Umfeld frei entwickeln. So jedoch, starten wir mit einer folgenreichen Traumatisierung auf der tiefsten Ebene unserer seelischen Fähigkeiten ins Leben.

Ich bezeichne es bewusst als Traumatisierung, was hier passiert. Denn es ist schmerzvoll, es blockiert unsere Selbstwahrnehmung und -regulierung, es zwingt uns, Anteile von uns abzuspalten – und es überwältigt unsere Fähigkeit, das alles zu verhindern oder zeitnah zu verarbeiten.

Ich spreche hier sogar vom Haupttrauma. Und zwar nicht, weil es das schlimmste von allen wäre, sondern weil es eine wichtige Rolle bei allen anderen Traumatisierungen einnimmt. Ja, sogar eine zentrale Rolle, denn ohne das Haupttrauma würde es nicht zu den anderen Traumatisierungen kommen.

Klar, wir wären weiterhin von Natur aus mit der Notfunktion unserer Seele ausgestattet. Für Extremsituationen stünde uns also auch das Abspalten von Gefühlen mit allen seinen Folgen zur Verfügung. Sobald die extreme Situation vorbei wäre, würden jedoch zwei innere Kräfte die Beendigung des Notprogramms anstreben:

Da wäre zum einen unser Wunsch, uns wohlzufühlen und unser Sehnen, vollständig lebendig zu sein. Wenn wir zum Beispiel eine (frühe) Trennung als traumatisch erlebt haben, weil wir sie nicht verarbeiten konnten, werden wir uns nicht vollständig auf eine neue Liebe einlassen können. Unser Wunsch nach erfüllender Liebe wird jedoch immer wieder danach streben, dass wir die dazugehörigen Gefühle spüren und verarbeiten – und wir dadurch Raum für erneute Liebe zurückgewinnen.

Die zweite innere Kraft, die danach strebt, zu einem fließenden Gleichgewicht zurückzufinden, ist der schon erwähnte Sinn für Seelenmitte. Wir spüren es, wenn wir innerlich begrenzt im Leben stehen, wenn wir unter inneren Konflikten leiden. Unser Sinn für Seelenmitte ist die Instanz, die das registriert und die danach strebt, den verlorenen inneren Raum zurückzugewinnen.

Sie tut das, sobald die Not vorbei und das Notprogramm überflüssig und begrenzend ist. Sie tut das, weil ein fließendes Gleichgewicht zwischen allen Anteilen der natürliche und zugleich der stabilste Zustand unserer Seele ist.

Und nun sollten wir noch eine dritte Kraft berücksichtigen, die nach einer Notsituation die emotionale Heilung unterstützen würde: die Menschen um uns herum. Wenn sie nicht selbst traumatisiert wären und durch das Haupttrauma darin gefangen, würden sie uns liebevoll umfangen und so viel Geborgenheit gehen, dass die Heilung in kurzer Zeit vollzogen wäre.
Es ist das Haupttrauma und nur das Haupttrauma, was diese kraftvollen natürlichen Tendenzen in Richtung emotionale Heilung blockiert.

Was bedeutet das Wissen um das Haupttrauma für die Traumatherapie?
Wenn Traumatherapie dieses Wissen berücksichtigt, wird es zur wichtigsten Aufgabe, die Betroffenen von der Indoktrination mit dem Glauben an die „negativen“ Gefühle zu befreien und ihre Fähigkeit zur emotionalen Heilung und Integration voll zu entwickeln.

Mit der gestärkten Fähigkeit, Gefühle zu verarbeiten, wird es dann möglich, vollständig zu heilen und über das Trauma hinauszuwachsen. Es geht also um die Reaktivierung und Ermächtigung unserer Fähigkeit zu emotionaler (Selbst-)Heilung. Diese führt zu schrittweiser Überwindung von Traumatisierung, und jede Schicht an überwundener Traumatisierung wird zu tieferer Selbstermächtigung. Die Auflösung des Haupttraumas gehört deshalb in den Mittelpunkt effektiver Traumatherapie.

Bisher wird dieser Punkt noch vernachlässigt.

 

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